50 Jahre in der Zukunft droht die Sonne zu erlöschen, was für Erde und Bevölkerung verständlicherweise ausgesprochen unangenehme Folgen hat. Wie es zu dieser Katastrophe kam, wird nicht erklärt, ist aber letztlich auch unerheblich für die Geschichte [...]
Handlung
Die spielt auf der Ikarus II, einer riesigen
fliegenden Atombombe, die von der achtköpfigen Besatzung in die Sonne gesteuert werden soll, um durch die Explosion das Feuer unseres Sterns neu zu entfachen. Wie der
(überaus dumme) Name des Raumschiffes verrät, handelt es sich bereits um die zweite Mission dieser Art. Die erste Ikarus verschwand spurlos, kurz bevor sie die Sonne erreichte. Die Verantwortlichen schienen das jedoch für kein schlechtes Omen zu halten, als sie dem zweiten Raumschiff den gleichen Namen gaben wie dem verschwundenen Vorgänger – hier zeigt sich bereits die größte Schwäche des Films: die Psychologie. Dazu später mehr.
Als die Ikarus II nach einer langen Reise den Merkur erreicht, empfängt die Besatzung ein Notsignal von der verschollenen Ikarus I, die ganz in der Nähe ihres Kurses im All treibt. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit gering, daß die Crew nach sieben Jahren noch am Leben sein könnte, doch entscheidet der Physiker, daß die zweite Bombe an Bord der Ikarus I die Chancen auf einen erfolgreichen Abschluß der Mission verbessern könnte. Also wird der Kurs korrigiert und das Unheil nimmt seinen Lauf. Der Navigator vergißt, den Hitzeschild neu auszurichten und führt damit eine mittlere Katastrophe herbei, bei der das Gewächshaus und mit ihm der Sauerstoffvorrat zerstört wird. Kurz darauf sterben die ersten Menschen – anfangs noch an tödlichen Sonnenstrahlen, später allerdings an schlechtem Drehbuch.
Stärken
Die größte Stärke des Films ist seine dichte Atmosphäre. Selten gelang es einem Regisseur, den Weltraum so bedrohlich und lebensfeindlich zu inszenieren wie Boyle. Die beeindruckenden Bilder von der
Sonne sind schön und beängstigend zugleich. Verstärkt wird dieses Gefühl der Bedrohung, das den Zuschauer den ganzen Film über begleitet und nicht zur Ruhe kommen läßt, durch einen nervenaufreibenden Klangteppich aus ächzenden Stahlkonstruktionen, dem sphärischen Nichts des Alls und undefinierbaren Geräuschen aus dem Inneren des Schiffs.
Die Musik ist mir nicht weiter aufgefallen. Zumindest hat sie also nicht gestört. Allerdings war das Lied zum Abspann eher nervtötend.
Eine weitere Stärke ist der überraschende Mangel an
Plumpheit, die man normalerweise bei einem Katastrophenfilm erwarten kann. Tatsächlich fehlt das heldige Rumgepose und nerviges Weltrettergehabe. Niemand prügelt sich darum, sich opfern zu dürfen, und es gibt auch kaum Rangeleien um den Chefsessel. Stattdessen sehen wir eine Multi-Kulti-Besatzung, die nach einer ewig langen Reise durch das Nichts verständlich gestreßt und gereizt wirkt.
Mehr noch, wir sehen einen Captain der in einer Ausnahmesituation, nämlich bei der Frage, ob die Chance auf eine zweite Bombe das Risiko eines Kurswechsels rechtfertigt, handelt, als habe er Stanislaw Lem gelesen: Er pocht nicht auf seine Autorität, sondern läßt den Kompetentesten entscheiden. Das ist in diesem Fall der Physiker Capa, verkörpert von Cillian Murphy, einer weiteren Stärke des Films. Murphy gelingt es mit der Darstellung des verantwortungsbelasteten Physikers den einzigen schauspielerischen Pluspunkt des Werkes zu setzen.
Bis hierhin gibt es noch sehr wenig zu meckern. Über die Hälfte des Films ist nicht nur spannend, sie bietet auch eine fesselnde Geschichte, die ihren Reiz aus der Extremsituation an Bord zieht und dem Versuch der Figuren, mit ihr umzugehen.
Schwächen
Großes Schauspiel sollte man bei
Sunshine nicht erwarten. Das liegt nicht nur an teilweise blassen Darstellern wie Chris Evans, sondern vor allem an den noch viel blasseren Figuren. Deren Charakter spielen leider keine wirkliche Rolle und sind dementsprechend kaum vorhanden. Es gibt einen harten Kerl, eine Frau ohne Eigenschaften (
Robert Musil läßt grüßen), eine Asiatin, die ihren Sauerstoffgarten liebt, einen Angsthasen und immerhin einen suizidalen Japaner.
Wie bereits angedeutet ist die Psychologie die große Schwäche des Films. Und das in vielerlei Hinsicht: Als Zuschauer fragt man sich beispielsweise, warum man 50 Jahre in der Zukunft einen Psychologen auf eine solche Mission mitschickt und auch eine Art Holodeck zur Entspannung installiert, gleichzeitig aber Erkenntnisse, die bereits jetzt aus der psychologischen Forschung bekannt sind, einfach übergeht. Statt Ehepaare auszuwählen oder zumindest für ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen zu sorgen, herrscht der obligatorische
Testosteronüberschuß innerhalb einer Mischung aus (relativ) labilen und sehr jungen Persönlichkeiten. Aber von jemandem, der ein Raumschiff, das zur Sonne fliegt, Ikarus nennt, kann man wahrscheinlich nicht viel mehr erwarten.
Der bereits angesprochene Psychologe ist seltsamerweise immer dann abwesend (körperlich oder geistig), wenn er gerade gebraucht würde. Die Figur selbst ist in ihren Handlungen kaum nachvollziehbar und verschwindet irgendwann einfach aus dem Drehbuch und damit aus dem Film.
Ein weiterer Punkt: Das Unheil ereignet sich aufgrund der simplen Vergeßlichkeit des Navigators. Es stellt sich aber die Frage, warum der Navigator ganz allein die Kurskorrekturen nicht nur berechnet, sondern auch selbst durchführt, ohne daß ihn irgend jemand (nicht einmal der Computer) überprüft. Das erscheint mir bei einer solch schwerwiegenden Tätigkeit ausgesprochen unglaubwürdig. Zumindest die Anwesenheit einer weiteren Person könnte man voraussetzen, um dem Navigator einen Teil der Verantwortung abzunehmen. Stattdessen wird der arme Kerl komplett allein gelassen, und nachher ist die Aufregung ist groß. Doch da ist das Kind natürlich schon in den Brunnen gefallen.
Die größte Enttäuschung zum Schluß: Nachdem der Film so gut angefangen hatte, wird er innerhalb kürzester Zeit zum Ende hin ziemlich versaut. Das beginnt mit dem aus „Event Horizon“ geklauten Logbuch und endet an dem Punkt, wo die Bedrohung durch die Psyche der Crewmitglieder ersetzt wird durch das Monster.
ACHTUNG: JETZT WIRD AUCH NOCH DER LETZTE REST VERRATEN!
Dabei handelt es sich um den Captain der Ikarus I, der irgendwie sieben Jahre als
verkohlter Fanatiker überleben konnte. Aus nicht weiter ausgeführten und daher absolut nicht nachvollziehbaren Gründen hat er die Mission der Ikarus I sabotiert und gemeinsam mit seiner Crew ein paar Mal zu oft in der Sonne gebadet. Während diese dabei zu Asche verbrannte, hat er es allerdings mit einigen rein kosmetischen Veränderungen überlebt. Ich nenne ihn das Monster, weil er genau diese Funktion innerhalb der Story übernimmt. Seine Motivation ist vage und für den Drechbuchautoren Alex Garland auch scheinbar unerheblich. Er ist ziemlich häßlich (eben ein Monster) und verfügt über die wundersame Macht, Fehler im Drehbuch notdürftig zu überdecken. Dafür ist er mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet, wie übermenschlicher Kraft oder seltsamer Resistenz gegenüber der ansonsten so tödlichen Sonnenstrahlung. Außerdem kann er sich wie jedes gute Monster immer an die Stellen des Raumschiffs teleportieren, wo er gerade gebraucht wird.
Wie mein ironischer Tonfall schon verrät, finde ich die Figur des verbrannten Captains ausgesprochen lächerlich. Gelinde gesagt versaut sie in etwa das letzte Drittel des Films und hat den Großteil der Punktabzüge zu verantworten. Aus der Anfangs guten Idee macht sie einen albernen Slasher-im-Weltraum-Film, der seine Spannung nur noch aus altbackenen Schockeffekten zu ziehen vermag. Zu allem Überfluß verschwindet das Monster nach einem letzten übermenschlichen Gewaltakt auch noch unspektakulär in einem plötzlich auftauchenden Plothole.
Fazit
Sunshine ist ein spannender Sci-Fi-Actionfilm, der mit einer tollen Stimmung permanenter Bedrohung glänzt. Zwei Drittel des Films sind ausgesprochen einfallsreiche und nervenaufreibende Unterhaltung. Leider bringen sich Boyle und Garland selbst um ihre Lorbeeren, indem sie das letzte Drittel mit Hilfe des Monsters in den Sand setzen. Dabei hätte man durchaus darauf verzichten können. Das verdeutlicht die Szene, in der der tote Navigator gefunden wird: Als ihm bewußt wird, daß er die Beschädigung des Schiffes verschuldet hat und daß die ganze Mission durch Sauerstoffmangel gefährdet ist, entscheidet er sich, Verantwortung zu übernehmen. Der Sauerstoff reicht nur noch für vier Personen. Nach dem Tod des Captains leben noch sieben. Ohne ihn selbst wären es noch immer zwei zu viel. Zwei weitere auszuwählen, wäre für die Crew unzumutbar. Also stellt er sich selbst der Verantwortung, die nicht allein aus Selbstmord besteht...
Daten
Sunshine
GB 2007
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Alex Garland
Kamera: Alwin H. Kuchler
Musik: Karl Hyde, John Murphy, Rick Smith
Darsteller: Cillian Murphy, Chris Evans, Michelle Yeoh, Rose Byrne, Cliff Curtis, Troy Garity, Hiroyuki Sanada, Marc Strong, Benedict Wong
FSK: 12
107 Minuten
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